Transformation – die Chance sich neu zu erfinden
von Oliver Cynamon
Bedrucktes Papier steht bei vielen Kunden auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Medien. Wird die Kommunikation deshalb total digital? Nein. Sie ist und bleibt hybrid. Print wird dabei auch in Zukunft eine Rolle spielen, aber nicht mehr überall. Deshalb ist jetzt die beste Zeit sich mit einem grundlegenden Wandel des eigenen Geschäftsmodells zu beschäftigen.
Drucken ist ein Auslastungsgeschäft. Die kapitalintensiven Hochleistungsmaschinen in unsere Industrie brauchen Futter, um Deckungsbeiträge zu erzielen. Für Kunden ist Drucken dagegen eine Dienstleistung, die sie lediglich bei Bedarf in Anspruch nehmen. Und dieser Bedarf schrumpft. Nicht nur der Einzelhandel wechselt vom Prospekt zum Pixel. Die Verschiebung der Budgets von Print zu Digital zieht sich durch fast alle Segmente und bringt so ein Geschäftsmodell mit Tradition zum Wanken. Kunden trauen Print nicht mehr viel zu. Auch keine Nachhaltigkeit. Wie man sich täuschen kann.
Seit einigen Jahren reagiert die Druckindustrie auf diesen Wandel. Mehr und mehr Unternehmen investieren in den Digitaldruck, um schneller, flexibler und individueller zu produzieren. Automatisierung und Digitalisierung gewinnen an Bedeutung, um Kosten zu senken. Onlineportale, Web-to-Print-Lösungen und KI-Agenten kommen zum Einsatz, um die Vertriebseffizienz und parallel den Kundenservice zu verbessern. Die Branche zeigt ihre Anpassungsfähigkeit. Aber ist die Optimierung des bestehenden Geschäftsmodells die Lösung für das weiter schrumpfende Druckvolumen in den kommenden Jahren?
So richtig und wichtig diese Maßnahmen kurz- und mittelfristig sind, im Grunde greifen sie zu kurz. Denn wenn der Markt in den kommenden Jahren droht in großen Teilen zu verschwinden ist die eigentliche Herausforderung nicht technologischer, sondern strategischer Natur. Transformationsfähigkeit wird dabei zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Es geht um den Aufbau eines resilienten Geschäftsmodells und die Fähigkeit, sich schnell und kontinuierlich anzupassen, um neue Ertragsquellen zu erschließen und langfristig profitabel zu sein.
Stellen Sie sich vor, heute ist Tag 1. Sie starten Ihr Unternehmen mit all dem Wissen und der Erfahrung aus den letzten Jahrzehnten? Was würden Sie tun? Was nicht? Was stattdessen? Es sind diese grundsätzlichen Fragen, die am Beginn eines Transformationsprozesse stehen.
Aber warum sollten Sie sich gerade jetzt mit diesen Fragen beschäftigen? Weil sich Ihre Kunden in dem gleichen Veränderungsprozess befinden, wie Sie und dabei nach neuen Lösungen für neue Probleme suchen. Diese Lösungen können von Ihnen kommen - oder von anderen. Deshalb ist jetzt die beste Zeit, um sich für die eigenen Kunden und die der anderen neu zu erfinden. Dabei helfen 5 praktische Tipps:
1. Schaffen Sie Verständnis
Eine Transformation ist ein komplexer Prozess und findet nicht über Nacht statt. Es braucht Zeit und eine gute Vorbereitung. Eine schonungslose Analyse der aktuellen Lage ist dafür Grundvoraussetzung. Auf Basis dieser Erkenntnisse geht es darum, allen im Unternehmen die Notwendigkeit einer Transformation bewusst zu machen, den Sinn hinter der Transformation zu vermitteln und so viel Verständnis wie möglich für den Wandel im Unternehmen zu schaffen.
2. Finden Sie Ihren Nordstern
Lassen Sie in dieser zweiten Phase Ihren Ideen freien Lauf. Formulieren Sie eine Vision und stecken Sie sich erste grobe Ziele. Das ist immer so einfach gesagt, aber beileibe nicht einfach zu machen. Unser Tipp: Beginnen Sie am besten damit, sich vom Bestehenden zu lösen. Kümmern Sie sich nicht darum, was Sie heute machen. Finden Sie stattdessen heraus, welche ganz grundsätzlichen Kompetenzen Ihr Unternehmen hat, die es zu etwas Besonderem machen. Leiten Sie daraus ab, welche Kunden, in welchen Situationen, diese Kompetenzen brauchen und denken Sie dabei über den Tellerrand hinaus. Entdecken Sie neue Märkte, die Sie heute noch nicht bedienen, in denen Ihre Kompetenzen aber gefragt sind. Fassen Sie alles in einem klaren, erreichbaren Bild der Zukunft zusammen, das dem Unternehmen Orientierung bietet. Das ist Ihr Nordstern.
3. Beginnen Sie an den Rändern
Kunden kaufen keine Produkte, sondern Lösungen, insb. im B2B-Bereich. Je komplexer das Problem, desto lieber. Denken Sie nur daran, welche Auswirkungen die PPWR im Verpackungsbereich oder der digitale Produktpass auf die internen Prozesse ihrer Kunden haben werden. Viele Unternehmen sind mit diesen oder anderen Themen konfrontiert und suchen nach Partnern, die Abhilfe versprechen und liefern. Starten Sie Ihre Reise Richtung Nordstern, indem Sie diese oder ähnlich Herausforderungen in den Randbereichen Ihres Kerngeschäfts durchdenken und Lösungen mit echten Mehrwerten entwickeln. Klingt abgedroschen, ist es aber nicht. Es gibt in unserer Branche bemerkenswerte Beispiele von Unternehmen, die dank ihres lösungsorientierten Ansatzes in der aktuell anspruchsvollen Phase trotzdem auf deutlich zweistellige Umsatzzuwächse blicken.
4. Starten Sie klein und schnell
Wenn es um Transformation geht, ist Perfektion der Endgegner. Starten Sie deshalb mit einer Lösung für eine definierte Kundengruppe. Entwickeln Sie schnell und günstig einen ersten Prototyp. Gehen Sie zu Ihren Kunden und testen Sie die Reaktion darauf. Wenn das Feedback schlecht ausfällt, weg damit. Wenn es positiv ist, starten Sie die finale Entwicklung. Achten Sie dabei darauf, die Lösung skalierbar zu gestalten, damit Sie sie ohne viel zusätzlichen Aufwand an viele Kunden verkaufen können. Hier hilft IT und Digitalisierung enorm. Messen Sie regelmäßig den Erfolg der neuen Lösung und justieren Sie nach, wenn die Ergebnisse nicht passen. Verankern Sie die Lösung im Unternehmen. Das kann neue Rollen oder Prozesse erfordern und so das Gesicht der Organisation verändern. Ist die Lösung erfolgreich auf dem Markt, beginnt der Prozess von vorne.
5. Arbeiten Sie am Unternehmen, nicht im Unternehmen
Transformation ist keine einmalige Angelegenheit, denn jeder Tag ist Tag 1. Transformation ist auch kein Projekt mit festem Enddatum, sondern ein fortlaufender Prozess, der konsequente Führung und Steuerung braucht. Reservieren Sie deshalb ausreichend Managementkapazität sowie Ressourcen und nehmen Sie sich bewusst Zeit für die Weiterentwicklung Ihres Geschäftsmodells. Denn am Ende entscheidet nicht die beste Technologie über den Erfolg, sondern die Fähigkeit, den eigenen Platz im Markt immer wieder neu zu definieren.
Peter F. Drucker, ein Pionier der Managementlehre, hat einmal gesagt: „Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten“. Nutzen Sie die Chancen, die Ihnen eine Transformation bietet, und stellen Sie in diesen volatilen Zeiten die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft.